Otto Piene
Das Wetter, 1990
Feuergouache auf Karton
73 × 102 cm
Otto Piene: Bedeutungen sind Dinge, die sich an die Sinne wenden
Das Atelier gilt seit jeher als geheiligte Ort der Gralssuche, als Labor, in dem unedle Metalle in Gold und Silber verwandelt werden. Ein solcher Ort der Transmutation muss geheim bleiben und so war es auch bei Otto Piene. Seine Besucher in der Düsseldorfer Hüttenstraße wurden in der Wohnung im Dachgeschoß empfangen, das darunter sich befindende Atelier blieb verschlossen und niemand ahnte, dass Piene dort häufig spät in der Nacht durch lodernde Flammen rote, gelbe oder schwarze Acrylfarbe in „Feuerblumen“, „Schwarze Diamanten“ oder einen „Jupiter“ verwandelte.
Als er ab 1966/67 in diesem Hinterhof zu arbeiten begann, alarmierten die besorgten Nachbarn eiligst die Feuerwehr, weil sie heiße züngelnde Flammen in dem schmucklosen Gewerbebau gesehen hatten. Das war Piene eine Lehre und fortan blieben die schwarzen Rollos im dritten Stock des Hofhauses allzeit geschlossen.
Der Vergleich des Ateliers mit einer alchemistischen Kammer passt selten so gut auf eine Künstlerwerkstatt wie auf die von Otto Piene. Warum werde ich Ihnen erklären.
Zwischen Labor und Kloster:
Schon als kleiner Junge wird Otto durch die Experimente des Vaters, der Mathematik und Physik studiert hatte und als Rektor ein Gymnasium in Lübbecke leitete, an die Wunderwelt der Natur herangeführt. Von ihm wird Piene in der Genauigkeit der Naturwissenschaft eingeführt und lernt die Rationalität der Argumentation kennen. Von Seiten seiner Mutter, die sich für Kunst und Musik begeisterte, wird der junge Piene andererseits in seinen kreativ-musischen Talenten unterstützt. Sein Großvater mütterlicherseits, ein evangelischer Pfarrer, gilt als einer der letzten Universalgelehrten, in dessen Fußstapfen Piene sich durchaus selbst sah.
Die Alchemisten im Mittelalter übten ihr Handwerk in den Klöstern aus. Neben dem geistigen Seelenheil wurde ganz pragmatisch im Labor auch nach Heil- und Wundermitteln geforscht. Ebenso verband Piene in seinem Atelier das praktische Tun mit der Faszination für chemische-physikalische Prozesse.
Vergleichbar den Geistlichen im Mittelalter darf man ihn als einen belesenen, aufgeklärten, sowohl naturwissenschaftlich wie auch philosophisch und künstlerisch interessierten und talentierten Menschen betrachten.
Das Gold:
Die meisten Menschen verstehen unter dem Begriff „Alchemie“, den Versuch unedle Metalle in Gold oder Silber zu verwandeln.
Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich in Erinnerung rufe, dass Otto Piene bereits in seinen 1957 entstandenen Rasterbildern, in den Rauchbildern der 1960er Jahre bis hin zu den Keramiken der 2000er Jahre Gold und Blattgold einsetzte. Ebenso wie die Alchemisten, die Erze in Gold verwandelten, transformierte Piene Gold in Kunst, denn die ist, wie Hegel es in seinen ästhetische Überlegungen darlegte, das höhere Gut. Für Hegel erweist sich das Kunstschöne als dem Naturschönen überlegen. Ich bezweifle, dass Piene es genauso unterschrieben hätte, aber ich bin mir sicher, dass er die kreativen Kräfte in Mensch und Natur als gleichwertig betrachtete.
In der alchemistischen Werkstatt symbolisiert das Gold nicht einfach einen Farbwert, sondern es allegorisiert die Sonne, so wie der Mond durch das Silber dargestellt wird oder Eisen stellvertretend für den Mars steht. Und bei Piene? Benutzt auch er das Gold, um die Sonne zu symbolisieren?
Nein, das Gold in den Piene´schen Bilderwelten strahlt eher selten wie eine Sonne, vielmehr verbindet es sich häufig - insbesondere in den frühen Arbeiten - mit der undurchdringlichen Schwärze des Ruß´ zu einem düsteren Amalgam von Schein und Abgrund.
Der Kosmos:
Dennoch teilt Otto Piene mit den Alchemisten das Interesse an den Himmelskörpern. Bildtitel, die in Kombination mit Sternen und Planeten stehen, sind nicht ungewöhnlich, wie zum Beispiel „Twin Stars“, 1987/88; „Komet“, 1973, „Orbit“, 1974 oder „Die Sonne brennt“, 1966.
Anlässlich seines Todes schrieb die Zeitschrift „stern“: „Der Himmel war die Leinwand für Otto Piene, sein Pinsel waren Flammen. Er malte Bilder aus Rauch und ließ Blumen aus Feuer entstehen.“
Eine würdige Hommage wurde ihm posthum erwiesen durch die Benennung des Asteroiden (359103) Ottopiene, der am 16. Januar 2009 entdeckt und am 22. Februar 2016 nach dem Künstler und ZERO-Mitbegründer benannt wurde.
In der Tat fühlte sich Piene dem Himmel eng verbunden und seit 1968 („Light Line Experiment“, MIT Cambridge, MA) setzte er mit seiner Sky Art und den Sky Events markante Zeichen, die bis zu 500 m in luftiger Höhe der Dynamik von Wind und Wetter ausgesetzt waren.
Otto Piene entwarf und konstruierte riesige Luftobjekte („Milwaukee Anemone“, 1977), um im Himmel Skulpturen aufzustellen, er ließ Menschen wie die berühmte Cellistin Charlotte Moorman (Ars Electronica, 24. September 1982) fliegen oder er spannte einen monumentalen Regenbogen über das Sportgelände der Olympischen Spiele 1972 in München.
Den Grund für seine Liebe zum All und für den Himmel findet man in seiner Jugend.
Kurzbiographie:
1928 in Laasphe zur Welt gekommen, zieht die Familie schon früh nach Lübbecke, wo Piene in einer bürgerlichen Umgebung aufwächst. Seine Kindheit endet abrupt, als die deutsche Regierung 1944 Minderjährige zum Kriegsdienst abkommandiert und der 16-Jährige als Luftwaffenhelfer sehr früh existentiell bedrohliche Erfahrungen machen muss. Erschwert wird ihm zudem diese Zeit, da sein Vater kurz nach seiner und seines Bruders Einberufung an einem Herzinfarkt stirbt. Die Nächte, in denen die Bomber der alliierten Streitkräfte wegen schlechten Wetters und mangelnder Sicht nicht fliegen können, erlebt Piene als Hort der Sicherheit. Daher, so erklärt er später, käme seine Liebe zur Dunkelheit, aus der heraus das Licht der Sterne strahlen kann. Seine späteren Lichträume geben das Gefühl der Geborgenheit sehr gut wieder, in denen der gleißende Tanz von Lichtstrahlen und Lichterscheinungen Hoffnung und Zuversicht erzeugt. Wer je in einem der Piene´schen Lichträume saß, der kennt diesen magischen Zauber, den die hüpfenden, springenden, die gleitenden und rotierenden Lichtreflexe auslösen.
Bleiben wir aber kurz bei Pienes Biografie, so liegt noch ein gut Stück Weg zwischen dem 1946 aus der britischen Gefangenschaft Entlassenen und dem ZERO-Gründer. Zunächst studiert Piene zwei Jahre Kunst in München, bevor er von 1950 bis 1953 an die Kunstakademie Düsseldorf wechselt. Hier lernt er Heinz Mack kennen, mit dem er bald sehr eng befreundet ist. Sie arbeiten in ihren Ateliers Seite an Seite auf der Suche nach einer Befreiung aus dem grau-schlammigen Gesten des Informel heraus.
Beide haben neben dem Kunststudium ein Philosophiestudium an der Universität zu Köln absolviert, um als Lehrer das Einkommen für ihre jungen Familien aufzubringen. Die Organisation der Abendausstellungen von 1957 bis 1959, die Herausgabe der ZERO-Magazine 1-3 sind längst feste Bestandteile der Kunstgeschichte.
1964 wird Otto Piene als Gastprofessor der University of Pennsylvania nach Philadelphia eingeladen. Er ist fasziniert von der neuen Welt. New York hat der französischen Metropole Paris längst den Rang der Kunsthauptstadt abgelaufen. Dort wird György Kepes auf ihn aufmerksam und lädt ihn ein, als erster internationaler Fellow an das Center for Advanced Visual Studies (CAVS) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu kommen. 1974 wird Piene wird Direktor des CAVS.
Bis zu seinem Tod 2014 lebte er auf einer Farm in Groton, unterbrochen durch seine regelmäßigen Reisen und Auslands-Aufenthalte, unter anderem in der Düsseldorfer Hüttenstraße. Dort findet man bis heute das authentische Feuer-Atelier, in dem er annähernd 50 Jahre arbeitete.
Kunst als Experiment:
Seitdem die ZERO foundation mit Büro und Archiv 2018 in das Hinterhaus Hüttenstraße 104 in Düsseldorf eingezogen ist, komme ich täglich an Pienes Feueratelier vorbei und frage mich, was ihn angetrieben haben mag, über diesen langen Zeitraum Feuergouachen anzufertigen? Piene hatte viele Talente und scheute sich nicht, neue Techniken und Materialien kennenzulernen und auszuprobieren: Ob es die Elektrizität war, die er in seinen Lichtskulpturen einsetzte, ob es der Rauch war, mit dem er Ende der 1950er Jahre zeichnete, ob es die Fernsehproduktionen waren, mit denen er von 1968-1969 Kunst in die breite mediale Öffentlichkeit brachte oder das plastische Arbeiten mit Keramik seit Beginn der 2000er Jahre -, Otto Piene war neugierig und ständig am Experimentieren. Er entwickelte Werkgruppen wie zum Beispiel die Feuergouachen aus den Rauchbildern, die Installationen aus den Lichtballetten. Eine einzelne Arbeit wie die Multimedia-Installation „Proliferation of the Sun“ begleitete ihn ein Leben lang, und bis zu seiner letzten Ausstellung 2014 in der Berliner Nationalgalerie adaptierte und veränderte er sie. Einzig die Feuergouachen, die fertigte er 50 Jahre lang auf dieselbe Weise an. Er schuf sie in Groton ebenso wie in Düsseldorf. Er arbeitet auf kleinen oder auf großen Leinwänden; mit wenigen oder mit vielen Farben. Was bedeutete ihm diese Arbeit? Meditation? Versenkung? Freude am Experiment?
Kehren wir noch einmal in die alchemistische Werkstatt zurück. Der Mönch, Gelehrte oder Einsiedler auf der Suche nach Gold erschafft sein Opus Magnum, sein großes Meisterwerk. Es geht um die totale Veränderung. Aus der Ausgangsmaterie, der Materia prima, gewinnt der Alchemist durch seine wissenschaftlichen Kenntnisse, durch sein technisches Können und seine intellektuellen und spirituellen Fähigkeiten einen reichen Schatz.
Die Veränderung folgt in unterschiedlichen Stufen: zunächst die „Schwärzung“, dem schließt sich die „Weißung“ an, dann folgt die „Gelbung“, schließlich die „Rötung“. Die vier Stufen entsprechen der antiken Idee der Unterteilung aller Elemente in Erde, Wasser, Luft und Feuer.
Sie erkennen schon in den Farben Schwarz, Weiß, Gelb und Rot eine für Piene charakteristische Farbpalette. Doch das mag ein Zufall sein. Lassen wir Piene selbst sprechen. 1972 präsentierte er – wie es die Einladung des Kunstrings Folkwang-Museum in Essen verlangte – seine eigene künstlerische Arbeit mit folgenden Worten: „Ich interessiere mich für Naturkräfte und dafür, wie Naturkräfte sich mit technischen und technologischen Kräften begegnen, wie sie sich gegenseitig stützen und versöhnen können, und wie man mit technischen Mitteln Naturkräfte evozieren kann, die sich sonst nicht zeigen. Darum spreche ich von der Fahne, die 600 m lang ist und die den Wind auf eine Weise zeigt, wie man ihn sonst nicht sieht. Sie macht ihn sichtbar. Und das verstehe ich unter Bedeutung. Die Bedeutungen sind also zum großen Teil wieder Dinge, die sich an die Sinne wenden, das heißt an das Sehen, Dinge, die man wirklich aufnehmen und selbst erleben muß.“
Piene war kein spiritueller Narr und kein Esoteriker, sondern im Gegenteil: Otto Piene verstand sich als Universalgelehrter, der die Human- mit den Naturwissenschaften verband - und im 20. Jahrhundert muss man sagen -, versöhnte. Piene wusste, dass das Streben nach dem vollkommenen Wissen hoffnungslos ist, aber Sinn stiftet. Er war als Künstler, als Lehrer, als Poet und als Intendant von großen Freiluft-Aufführungen im besten Sinne praktisch wie theoretisch tätig – dem Homo Universalis der Renaissance vergleichbar, ein Universalgelehrter, den man vorzugsweise in der alchemistischen Kammer antrifft.
Barbara Könches